Rabenblut Leseprobe

 Prolog

Salem, Massachusetts

Die Zeiten haben sich ziemlich geändert. Das 21. Jahrhundert wird sicherlich nicht mein liebstes Zeitalter werden, wobei die technischen Errungenschaften sehr wohl ihre Annehmlichkeiten haben. In dieser Nacht ist es vergleichsweise ruhig. Gelegentlich fährt ein Auto unter mir die Straßen entlang. Hier oben auf dem Dach der alten Kirche hat man zwar nicht den perfekten Überblick, aber es genügt. Das Licht des Mondes mischt sich mit dem der Straßenlaternen zu einem giftigen Gelb. Im 17. Jahrhundert gefiel mir diese Stadt besser, aber besser ich finde mich schnell damit ab. Schließlich werde ich wohl noch ein paar Jährchen hier verbringen müssen.

Ein Vorteil der Unsterblichkeit? Man lernt unglaublich viele Menschen aus jeder Epoche kennen. Der Nachteil? Irgendwann sind alle tot.

Daher habe ich es mir abgewöhnt, Kontakte zu Menschen zu pflegen. So amüsant sie auch sein mögen, sie alle sind vergänglich. Schmunzelnd breite ich mein schwarzes Gefieder aus und lasse mich vom Dach in die Tiefe fallen.

Heute Nacht jedoch ändert sich alles. Ich habe die Suche fast aufgegeben. Man hätte ahnen können, dass ich eines Tages hier in Salem auf eine treffe – diese Stadt ist fürwahr verflucht. Winzig sehe ich den schwarzen Haarschopf unter mir.

Ein geschultes Auge erkennt es sofort, und ich, der ich mein ganzes menschliches Leben mit diesen Geschöpfen zu tun hatte, habe keinen Zweifel. Ja, das ist sie wahrhaftig. Die erste Hexe seit über dreihundert Jahren.

Kapitel 1: Der Tod steht ihr gut

Ein paar Wochen später.

»Achtung, der Freak kommt.« Das ist die übliche Begrüßungsformel, wenn ich durch die Gänge der Schule laufe. Ich ignoriere meine Mitschüler wie immer und schlage wütend meinen Spind zu, während mir meine beste Freundin noch immer hinterherläuft.

»Komm schon, Abi«, fleht sie, »du musst ihn doch nicht gleich küssen.« Julie kann so stur sein, aber dieses Mal werde ich nicht nachgeben.

»Kommt nicht infrage. Ich kenne ihn doch nicht mal«, verteidige ich meinen Standpunkt.

»Was nicht ist, kann ja noch werden«, singt sie in einer ungewollt lächerlichen Stimme. Julie hat mich gebeten, mit ihrem Cousin auf den Abschlussball zu gehen. Ich habe ihn bloß ein paarmal getroffen, obwohl ich mit Julie schon ewig befreundet bin. Für gewöhnlich würde ich ihr diesen Gefallen tun, aber wenn es um Jungs geht, schlagen bei mir alle Alarmglocken.

»Hör mal, Julie. Ich bin sicher, Eric ist ein toller Typ, aber …«

»Marc. Sein Name ist Marc.« Sie zieht beide Augenbrauen nach oben und ich verdrehe übertrieben die Augen.

»Siehst du, ich kenne nicht mal seinen Namen.« Das allein sollte Grund genug sein, nicht mit ihm auf den Abschlussball zu gehen.

»Abigail, ich denke doch da nur an dich! Ich will nicht, dass du allein zum Ball auftauchen musst.«

Ich seufze melodramatisch und mache mich auf den Weg zum Schulausgang, ohne ihr weiter Beachtung zu schenken.

»Außerdem würdet ihr euch super verstehen! Er steht auch auf Videospiele, genau wie du!« Na dann sind wir ja wie vom Schicksal füreinander auserkoren. Während sie mir mit ihren kurzen Beinen schnell hinterherhastet, drehe ich mich zu ihr um und ziehe eine Grimasse.

»Ach wirklich? Ich wette, er ist auch noch Vorsitzender des Mathevereins und trägt eine übergroße Nerdbrille, habe ich recht?« Julie reißt entsetzt den Mund auf.

»Er ist mein Cousin, Abi!«

»Noch ein Grund mehr, nicht mit ihm auszugehen«, erwidere ich und kann ein Grinsen nicht unterdrücken.

»Okay, der Punkt geht an dich. Aber denk bitte wirklich mal drüber nach. Ich kann mich nicht erinnern, dass du jemals einen festen Freund hattest. Und komm jetzt nicht mit der Tour, dass du „auf den Richtigen wartest“.« Sie verschränkt die Arme und wir verlassen das Gebäude.

Die Frühlingssonne ist an dem Nachmittag schon unnatürlich heiß, sodass mir der Schweiß ausbricht.

»Ich hatte schon mal einen Freund.«

»Oh, na klar, ich vergaß. Daniel. Wie lang wart ihr in der fünften Klasse zusammen, zwei Wochen?« Wieder verdrehe ich die Augen. Ich mag Julie wirklich, aber wenn sie mit diesem Thema kommt, könnte ich ihr manchmal den Hals umdrehen. Als wir an der Straßenkreuzung ankommen, bin ich erleichtert, dass sich hier unsere Wege trennen.

»Okay, ich denke drüber nach. Bist du jetzt zufrieden?« Sie grinst bis über beide Ohren und umarmt mich zum Abschied.

»Sehr zufrieden! Wir sehen uns dann am Montag, ich bin über das Wochenende bei meinem Dad.« Ich nicke und wir gehen in unterschiedliche Richtungen.

Endlich ein bisschen Ruhe. Ich konnte mich in der Schule heute sowieso kaum konzentrieren. Es ist der 23. Mai und das bedeutet, dass heute der sechste Todestag meiner Eltern ist. Auf dem Weg zum Friedhof versuche ich, mir ihre Gesichter in Erinnerung zu rufen.

Es sind erst sechs Jahre vergangen, aber ich merke, wie es mir mit jedem Jahr schwerer fällt. Das schlechte Gewissen trägt nicht gerade zu meiner Laune bei. Als ich an dem hohen Gittertor des Friedhofs stehe, wird mir plötzlich kalt. Die Sonne scheint noch immer unbarmherzig auf mich nieder, aber dennoch friert es mich.

Ich wollte nicht, dass meine Tante Sarah mitkommt; ich gehe immer allein hierher. Die Stille genießen und an Mom und Dad denken, das ist genau das, was ich jetzt brauche. Um mich herum zieht urplötzlich ein Wind auf und wirbelt etwas Laub auf. Das passiert oft, wenn ich hier bin, und zu Beginn fand ich es gruselig, aber mittlerweile stelle ich mir vor, dass meine Eltern mir antworten, wenn die Erinnerungen an sie wieder stark sind.

Ich erreiche das Grab. Hier liegen Mary und Samuel Willows. Ich lasse mich vor dem Grab auf den Boden nieder und schließe die Augen. Während ich an all die schönen Zeiten zurückdenke, muss ich lächeln und eine einzelne Träne läuft über meine Wange.

»Bittersüße Erinnerungen. Es ist schön, darin zu schwelgen, nicht wahr?« Die Stimme kommt wie aus dem Nichts und mit einem Satz springe ich auf.

»Bittersüß …? Was zum Teufel? Wer bist du?« Vor mir steht irgendein Typ, der mit einem selbstgefälligen Grinsen und verschränkten Armen wohl einen coolen Eindruck machen will.

»Corvus Raven, Mylady. Wie ist Euer Name?« Er deutet eine Verbeugung an und bittet um meine Hand. Der Typ hat doch einen Knacks. Ich werfe mir meinen Rucksack über die Schultern und gehe.

»Welch Manieren. Ich hatte doch nur um Euren Namen gebeten.« Idiot! Warum gehe ich überhaupt? Soll er doch gehen! Was fällt ihm eigentlich ein, mich hier anzubaggern? Wuterzürnt wende ich mich wieder ihm zu.

»Ist das irgend so eine Masche von dir? Mädchen auf Friedhöfen anzuflirten?« Er hebt schützend beide Hände vor sein Gesicht, seine blauen Augen werden ein wenig von seinem kurzen, blonden Haar verdeckt.

»Tut mir leid. Ich dachte nur, vielleicht möchtest du etwas Gesellschaft. Du sahst da so einsam auf dem Boden auf. Ich wollte clever rüberkommen.« Ach wirklich? Versagt auf ganzer Linie.

»Weißt du, manche Leute sind vielleicht ganz gern allein auf dem Friedhof. Das ist ja schließlich der Sinn der Sache.« All der angestauten Wut lasse ich endlich freien Lauf. Eigentlich bin ich doch ganz froh, dass er aufgetaucht ist; so kann ich meinen Frust abbauen.

»Friedhöfe sind nicht für die Toten. Sie sind für die Lebenden. Um zu trauern. Allein zu trauern, kann ungesund sein.« Oh Mann, was will der Kerl eigentlich?

»Noch einen cleveren Spruch auf Lager? Oder bist du fertig? Verpiss dich einfach, du bist gruselig.« Ich drehe mich um und gehe. Mir doch egal, was er denkt. Ich will einfach nicht mehr in seiner Nähe sein. Doch da habe ich mich zu früh gefreut, denn er läuft mir hinterher.

»Ich? Ich bin gruselig? Sagt das Mädchen in schwarzer Kleidung mit den schwarzen Haaren und den Waschbäraugen. Ich sage nur: Hallo The Grudge.« Das ging eindeutig zu weit.

»Du kennst mich nicht! Nur weil ich Schwarz mag, heißt das nicht, dass ich emo bin oder ein Grufti. Manche Leute lassen sich einfach nicht in Schubladen stecken.« Ich bin fertig mit ihm, aber die Tatsache, dass er mich einfach nur weiter blöd angrinst, macht mich rasend.

»Und dennoch lässt du es zu, dich in eine Schublade zu stecken. Gruselig bedeutet nicht immer gleich schlecht. Um ehrlich zu sein, es war ein Kompliment. Der Tod steht dir gut.« Ich spüre, wie mir alle Farbe aus dem Gesicht weicht, und ich greife in meiner Hosentasche bereits nach meinem Handy, um im Notfall die Polizei zu rufen.

Aber als ich mich wieder zu ihm umdrehe, ist er verschwunden. Vor meinen Füßen liegt eine einzelne schwarze Feder.

Kapitel 2: Best Friends Ever

»… und dann war er weg! Einfach so. Ich meine, wie ist das möglich?« Zuhause angekommen rufe ich sofort Julie an, um ihr von der unheimlichen Begegnung zu erzählen.

»Sah er wenigstens gut aus?« Wie immer hat sie nichts anderes im Kopf.

»Oh Julie, sei doch mal ernst. An seiner Stelle lag nur noch eine schwarze Feder. Ha, der Typ wollte mich sicher nur verarschen. Corvus Raven? Lächerlich, oder? Ist doch klar, dass er mir nur einen Schrecken einjagen wollte.« Ich plaudere vor mich hin, um mich zu beruhigen, aber Tatsache ist, dass ich noch immer am ganzen Körper zittere.

»Wenn du meinst. Aber sag schon: Wie sah er aus?« Ich puste mir genervt eine Strähne aus dem Gesicht, aber ich tue ihr den Gefallen trotzdem.

»Blaue Augen, blond. Wie ein Surferboy, nur weniger cool.«

»Heiß?«

»Definitiv nein. Um ehrlich zu sein, eigentlich war er fett und hatte eine Glatze.« Ich stelle mir den Kerl in meiner Version bildlich vor.

»Och Abi, du bist so eine Spielverderberin.« Immerhin lockt mir das wieder ein Grinsen heraus.

»Ich muss jetzt aber echt los, Dad kommt gleich und ich habe noch nichts gepackt und mein Nagellack ist auch noch nicht wirklich trocken.«

»Okay, meld dich, wenn du in dem Kaff mal Empfang hast.« Sie lacht halbherzig in den Hörer.

»Träum weiter. Auf Wiedersehen Facebook, Twitter und Instagram. Auf Wiedersehen Zivilisation.«

»Sei nicht so melodramatisch.«

»Sagt die Richtige.« Und damit legt sich kichernd auf. Allerdings hat sie mich auf eine Idee gebracht. Ich werfe meine kleine Blechdosenfabrik an (oder wie andere Leute sagen würden: Computer). Ratternd fährt das Betriebssystem hoch, und sobald er nach einer halben Ewigkeit arbeitsfähig ist, logge ich mich auf Facebook ein.

Yay, keine Nachrichten. Nicht verwunderlich bei 20 Freunden. Meine Timeline erschlägt mich mit Duckface‑Bildern von Julie und dampfendem Essen. Ich gebe Corvus Raven in die Suchzeile ein und erhalte sofort ein paar Treffer.

Das ist er! Corvus Raven, ist das irgendein Spitzname? Vielleicht seine Lieblingsmangafigur, haha. Sein Profil ist nicht gerade aufschlussreich. Um ehrlich zu sein, ähnelt es meinem sehr. Kaum Informationen und bloß ein Profilbild. Das ist immerhin schon ein Bild mehr als ich jemals hochgeladen habe.

Während ich durch die Beiträge scrolle, ploppt plötzlich ein Chatfenster auf und ich erschrecke mich so sehr, dass ich fast von meinem Schreibtischstuhl falle und die Maus in die Zimmerecke werfe.

Corvus Raven: „Na, hast du was Interessantes entdeckt? ;)“

Das ist nicht möglich, oder? Eben war er nicht mal online. Er muss irgendwelche Mods oder so installiert haben, um zu sehen, wer sein Profil besucht. Verdammt! Was mache ich jetzt? So tun, als hätte ich nichts gesehen und ausloggen?

Corvus Raven: „Hallo? Ich weiß, du hast die Nachricht gesehen. :P“

Hektisch drehe ich mich um. Das ist albern, hier ist niemand in meinem Zimmer; unmöglich, dass er mich beobachtet. Ich stehe auf und hebe erst mal meine Maus vom Boden auf. Als ich mich wieder vor den Computer setze, wartet noch immer das kleine Fensterchen auf mich, fast schon bedrohlich scheint es zu blinken. Scheiß drauf!

Abigail W.: „was willst du?“

Corvus Raven: „Ich? Du warst doch auf meinem Profil.“

In dem Moment dämmert es mir. Er kann nicht wissen, wer ich bin. Er kennt meinen Namen nicht und ich habe kein Bild auf meinem Profil. Hm, das könnte lustig werden.

Abigail W.: „stimmt hehe. wollte nur ein paar boys auschecken. lololo“

Ich hoffe, durchschnittliche Mädchen in meinem Alter schreiben so. Jetzt zahle ich ihm die Sache vom Friedhof heim! Er tippt …

Corvus Raven: „Vorhin schienst du kein Interesse an Jungs zu haben.“

Abigail W.: „vorhin?“

Corvus Raven: „Auf dem Friedhof.“

Hör auf! Das ist nicht möglich! Er kann doch nicht wissen, dass ich … Okay, durchatmen, Abigail. Dieser Typ ist irgendein kranker Stalker und ich werde ihn einfach melden.

Corvus Raven: „Du solltest ein Bild von dir hochladen. So ein hübsches Mädchen wie du braucht sich nicht zu verstecken.“

Abigail W.: „sag mir nich was ich zu tun habe und hör auf so peinlichst genau auf groß‑ und kleinschreibung zu achten. das ist ein chat!“

Corvus Raven: „Das bedeutet nicht, dass man alle Umgangsformen fallenlassen sollte.“

Abigail W.: „auf nimmerwiedersehen. ich blocke dich!!“

Corvus Raven: „okay, okay. du hast gewonnen. so besser? .. lol?“

Er hält sich wohl für besonders witzig. Ich gehe darauf gar nicht mehr ein und blocke sein Profil. So, das war’s für dich, Corvus Raven. Ein paarmal durchatmen und … nichts passiert. Ich scheine endlich Ruhe vor diesem Kerl zu haben.

Meine Tante ruft mich zum Essen und ich schalte den Computer aus. Für eine Weile habe ich erst mal genug von sozialen Netzwerken. Tante Sarah erzähle ich nichts davon. Sie soll sich keine Sorgen um mich machen und sie hat auch so schon genug um die Ohren. Ich bin dankbar, dass ich nicht in ein Heim musste, und im Gegenzug helfe ich so gut ich kann.

Nach dem Essen lege ich mich auf mein Bett und spiele PlayStation, doch ich kann mich kaum konzentrieren. Mein Blick huscht immer wieder zu meinem Computer. Nach einer Weile gebe ich nach.

Ich schalte das Ding wieder ein, hebe die Blockierung auf und schreibe auf seine Pinnwand: „Corvus Raven. was für ein dämlicher scherz ist das? das ist nicht mal ein name. das bedeutet zweimal ‚Rabe‘ nur in unterschiedlichen Sprachen.“

So, das musste ich noch loswerden. Ich klicke auf die Schaltfläche, um ihn wieder zu blockieren, aber in diesem Moment teilt mir ein Hinweis mit, dass er meinen Beitrag kommentiert hat. Will ich die Antwort überhaupt lesen? Die Neugier siegt.

„Nicht schlecht, Abigail. Du überraschst mich immer wieder. Ja, du kannst es als eine Art Spitznamen sehen. Außerdem: Du hast mich beeindruckt.“

Arroganter, überheblicher Kerl! Ach und außerdem! Abigail, ich bin sooo beeindruckt.

Wütend tippe ich meine Antwort: „zufällig interessiere ich mich für sprachen!! und jetzt will ich nie mehr was von dir hören.“

Das reicht jetzt wirklich. Ich habe genug Zeit mit ihm verschwendet … Eine Antwort warte ich noch ab. Nervös klicke ich ein paarmal willkürlich auf dem Bildschirm herum. Warum dauert das auf einmal so lang? Sind dir etwa die schlauen Sprüche ausgegangen, Mr. Raven? In dem Moment erscheint ein neuer Kommentar: „Keine Versprechungen.“

Tschüss, Corvus. Es war unendlich langweilig, dich kennenzulernen. Ich schalte den Computer abermals aus und spiele für den restlichen Freitagabend Videospiele.

 

 

Ende der Leseprobe. Wenn Sie weiterlesen möchten, erwerben Sie bitte das Buch. Vielen Dank fürs Lesen!
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